Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit

Wie Konzerne Aktionärsinteressen bedienen, statt Klima und Menschenrechte zu schützen

04.11.2021

  • Ein gemeinsamer Bericht von Oxfam Deutschland und Finanzwende zeigt: Unternehmen berücksichtigen die Interessen der gesamten Gesellschaft nicht ausreichend in ihren Entscheidungen.
  • Dies führt zum Beispiel dazu, dass klimafreundliche Investitionen ausbleiben und die soziale Ungleichheit verschärft wird.
  • Die neue Bundesregierung könnte große Konzerne stärker in die Pflicht nehmen, indem sie unter anderem Ausschüttungen begrenzt und eine vielfältige Interessenvertretung sicherstellt.

Nur noch wenige Jahre bleiben, um die Erderhitzung auf 1,5 Grad zu begrenzen und die schlimmsten Auswüchse der Klimakrise zu verhindern. Zeitgleich lässt sich weltweit eine zunehmende soziale Ungleichheit beobachten. Vor allem mit Subventionen und Staatshilfen für Unternehmen soll beiden Negativtrends entgegengewirkt werden. Doch bislang blieb dies ohne Erfolg: Trotz massiver Subventionierung lässt der notwendige Wandel großer Konzerne, beispielsweise aus der Automobilindustrie, auf sich warten.

Bericht: „Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit“

Nun stellt sich die Frage: Braucht es eine striktere Gemeinwohlorientierung für Unternehmen? Um diese Frage zu beantworten, haben Oxfam Deutschland und Finanzwende gemeinsam untersucht, wie 30 große Unternehmen aus dem DAX (deutscher Aktienindex) im Zeitraum von 2009 bis 2020 sozialen und ökologischen Aspekten gerecht wurden. Die Ergebnisse zeigen erhebliche Mängel bei den Unternehmen auf: Aktionärsinteressen überwiegen das Gemeinwohl und es mangelt an klimafreundlichen Investitionen. Zudem verschärfen Unternehmensentscheidungen die soziale Ungleichheit. Woran machen wir dies fest?

Unternehmen bedienen vor allem das Interesse der Aktionärinnen

Zwischen 2009 und 2020 stiegen die Gewinne der untersuchten Unternehmen um 48 Prozent. Daraus ergibt sich ein finanzieller Spielraum, den Konzerne unterschiedlich nutzen können: Ob sie in nachhaltigere Geschäftsmodelle investieren, Beschäftigten höhere Löhne zahlen, Rücklagen aufbauen oder aber Dividenden an Aktionäre ausschütten, steht ihnen offen. Der vorliegende Bericht zeigt: Die untersuchten Unternehmen verwendeten ihre Gewinne vor allem, um Aktionärsinteressen zu bedienen und Rücklagen zu bilden. So legten Ausschüttungen im Berichtszeitraum mit 85 Prozent deutlich stärker zu als die Gewinne. Einzelne Unternehmen zahlten sogar in Verlustjahren Dividenden. Dazu zählen unter anderem RWE und E.ON – obwohl gerade bei solchen Energiekonzernen ein immenser Investitionsbedarf in die ökologische Transformation herrscht.  

Entwicklung von Gewinn und Ausschüttungen 2009-2020

Mangelnde Investitionen in klimafreundliche Technologien

Investitionen auf Unternehmensseite sind dringend notwendig, um die Klimaschutzziele der EU-Kommission zu erreichen und der Klimakrise effektiv entgegenzuwirken. Deshalb werden viele dieser Investitionen zurzeit durch staatliche Subventionen gefördert. Der vorliegende Bericht zeigt jedoch, dass Unternehmen die erforderlichen Investitionen häufig aus ihren eigenen Gewinnen decken könnten – ohne Subventionen oder Steuererleichterungen. Im Transportsektor etwa wäre es den Unternehmen problemlos möglich, den zusätzlichen Investitionsbedarf (laut EU 13,8 Milliarden Euro pro Jahr) aus ihren Gewinnen zu bedienen. Die Transportunternehmen wären dann sogar immer noch in der Lage, Dividenden auf dem Niveau der Jahre 2009 bis 2010 auszuschütten.

Verschärfung der sozialen Ungleichheit

Die Ausschüttungspolitik und Vergütungsstrukturen der untersuchten Unternehmen verschärfen die allgemeine Einkommens- und Vermögensungleichheit. Während Arbeitnehmerinnen in Krisenzeiten Lohneinbußen hinnehmen müssen, fließen üppige Dividenden an Aktionäre – auch in wirtschaftlich schlechten Jahren. Hinzu kommt, dass die Gehälter der Top-Managerinnen in den vergangenen Jahren deutlich schneller gewachsen sind als die ihrer Angestellten. Zwischen 2009 und 2020 stiegen Manager-Gehälter um 34 Prozent. Demgegenüber steht ein durchschnittlicher Anstieg von 25 Prozent bei Angestellten. Die Vorstände der hier untersuchten Unternehmen verdienen heute im Schnitt 3,4 Millionen Euro im Jahr – das 48-fache ihrer Mitarbeiterinnen. Der Linde-Chef Steve Angel verdient gar das 245-fache des durchschnittlichen Gehalts der Linde Mitarbeiterinnen.

Ausschüttungen und Personalausgaben der Unternehmen 2009-2020
Erst Recht kommt es zu Missständen entlang der Lieferkette von Konzernen, dabei könnten die Unternehmen diese zumindest mindern. Wenn beispielsweise Adidas entlang seiner Lieferkette die Zahlung existenzsichernder Löhne sicherstellen würde, entstünde ein Mehraufwand von rund 567 Millionen Euro. Dies wäre aus den Gewinnen von durchschnittlich 1,22 Milliarden Euro pro Jahr leicht finanzierbar.

Mangelnde Gemeinwohlorientierung bei Unternehmen als Ursache

Das deutsche Grundgesetz besagt: Eigentum verpflichtet dem Gemeinwohl. Demnach sollten die untersuchten Unternehmen dafür Sorge tragen, dass ihr jeweiliges Geschäftsmodell nicht dem Gemeinwohl schadet – etwa indem es die Klimakrise verschärft. Der vorliegende Bericht veranschaulicht, dass diese Voraussetzung häufig nicht erfüllt wird. Dabei lassen sich drei Gründen identifizieren:

  1. Im Zentrum der vorherrschenden Unternehmensphilosophie steht die kurzfristige Profitmaximierung im Sinne des Aktienkurses.
  2. Die Vergütung der Top-Managerinnen erfolgt im Schnitt zu 73 Prozent mittels variabler, erfolgsabhängiger Bestandteile wie Bonuszahlungen oder Aktienpakete – fast ohne jeden Bezug zu Fragen sozialer Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.
  3. In den Leitungsgremien der Unternehmen können abgesehen von Aktionärinnen und Arbeitnehmern keine weiteren Gruppen wirksam Interessen einbringen.

Im Bericht finden sich Ansätze, wie diesen Fehlanreizen entgegengewirkt werden könnte. Dazu zählt die Begrenzung von Ausschüttungen oder ein stärkerer Einbezug von anderen Interessensgruppen. Auf diesem Weg könnte es gelingen, dass auch große Unternehmen soziale und ökologische Standards besser erfüllen.

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