Entkopplung von Real- und Finanzwirtschaft

Trotz massivem Wirtschaftseinbruch durch die Corona-Krise, haben 2020 viele Finanzakteure von der Krise profitiert. Das stützt die These, dass sich die Entwicklung des Finanzmarkts in großen Teilen von der realen Wirtschaft abgekoppelt hat.

Sechs Entwicklungen stehen exemplarisch für den Finanzsektor als Krisenprofiteur: Allzeithochs an den Aktienmärkten, Gewinnausschüttungen großer Börsenunternehmen, Hedgefonds und ihre Rekordgewinne 2020, die Deutsche Bank und ihre Boni, Private-Equity-Fonds auf Einkaufstour sowie die Wiedergeburt der Unternehmensmäntel SPACS.

1) Allzeithochs an den Börsen

Im Frühjahr 2020 brachen wegen der Corona-Krise weltweit die Börsenkurse ein. Tausende Betriebe mussten die Produktion einstellen und die Arbeitslosigkeit stieg. Obwohl weiterhin hunderttausende Menschen allein in Deutschland in Kurzarbeit sind und viele Branchen sich kaum über Wasser halten können, stellen die Börsen neue Rekorde auf. Im April 2021 durchbrach der deutsche Aktienindex DAX erstmals die Marke von 15.000 Punkten, obwohl die deutsche Wirtschaft den stärksten Konsumeinbruch seit 50 Jahren erlebt. Eine Fehlentwicklung im Verhältnis von Finanzmärkten und realer Wirtschaftstätigkeit betrifft also den sichtbarsten Teil der globalen Finanzmärkte: die Börsenkurse. Die Rally an den Kapitalmärkten beschert vielen Aktienkursen Allzeithochs. Und das, obwohl die Unternehmensbilanzen in Corona-Zeiten zum Teil stark belastet sind.

2) Gewinnausschüttungen in Krisenzeiten

Es gibt einen allgemeinen Trend steigender Gewinnausschüttungen am Finanzmarkt – die Dividendenauszahlungen großer Konzerne steigen seit Jahren massiv. Im letzten Jahr gingen die Dividendenausschüttungen in Deutschland im Zuge der Krise immerhin um ca. 13% auf rund 39 Milliarden Euro zurück. Für ein Krisenjahr wie 2020 würde der gesunde Menschenverstand nun aber erwarten, dass die Gewinnausschüttung deutlich schrumpft. Doch davon ist nichts zu sehen: In der gesamten bereits angelaufenen Dividendensaison 2021 planen die 100 größten deutschen Aktienunternehmen schätzungsweise immer noch rund 40 Milliarden Euro auszuschütten, trotz zweistelliger Gewinneinbrüche. Die Dividenden bleiben dadurch im Vergleich zum Vorjahr fast konstant.

Zahlreiche Unternehmen sind durch Kurzarbeitergeld und staatliche Garantien gestützt und teilweise vor der Insolvenz gerettet worden. Doch während diese Unternehmen die Hilfsgelder jetzt vor allem dafür nutzen sollten, ihre Belegschaft zu bezahlen und sich für die Zukunft zu rüsten, zahlen viele große Konzerne dieses Jahr Dividenden aus, um ihre Aktionäre zufriedenzustellen. Unternehmen wie BMW haben umfangreich von staatlichen Hilfsgeldern profitiert. Nun will BMW seinen Aktionären mehr als einer Milliarde Euro Gewinnbeteiligung ausschütten. Viele große Konzerne scheinen ihre Geschäftspolitik immer stärker auf ihre Aktionäre auszurichten und andere Interessengruppen im Unternehmen zu vernachlässigen. Finanzwende setzt mit einer neuen Unterschriftenaktion gegen diese Entwicklung nun ein Zeichen. Hier können Sie diese Aktion unterstützen.

3) Hedgefonds als Profiteure der Kursschwankungen

Andere Teile des Finanzmarkts sind nicht so sichtbar wie die öffentlichen Börsenkurse, aber sehr bedeutsam für Fehlentwicklungen unseres Wirtschaftssystems. Hedgefonds zum Beispiel sind große Kapitalsammelstellen, die durch die Nutzung komplexer Finanzprodukte (u.a. Leerverkäufe, Derivate, Einsatz von Hebeln) aus der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mit einem kräftigen Gewinn herauskommen. Das Jahr 2020 war für die Hedgefonds-Branche sogar das beste seit 10 Jahren. Mit zum Teil enorm riskanten Strategien setzten viele Fonds auf fallende Kurse oder auf winzige Preis-Margen zwischen aktuellen und zukünftigen Finanzwerten.

4) Investmentbanker und ihre Boni

Zusammen mit Hedgefonds erleben insbesondere Investmentbanken eine Renaissance. In Krisenzeiten fluktuieren die Preise am Finanzmarkt stark, was im Ergebnis zu mehr Handel führt. Davon hat in Deutschland allen voran die Deutsche Bank profitiert, insbesondere wegen des erfolgreichen Investmentbankings hat die Bank erstmals seit 2014 wieder Gewinne gemacht. Dies hat sie direkt zum Anlass genommen, die Bonuszahlungen um 29% auf 1,9 Milliarden Euro zu erhöhen, während gleichzeitig über 1000 Stellen abgebaut wurden. Ein weiterer Haken an der Sache, die Gewinne des Investmentbanking waren wohl doch geringer als ursprünglich kommuniziert, da die Bank Ihre Bilanz durch Verschiebungen in die „Bad Bank“ schön rechnet.

5)  Nutzen der Krise für Megadeals: Private Equity Fonds wittern ihre Chance

Das Jahr 2021 verspricht keine Umkehr dieser Fehlentwicklungen. Die Finanzierungs-Misere vieler kleiner und mittelständischer Unternehmen ist für private Beteiligungsfonds, sogenannte „Private Equity Fonds“ eine Chance auf lukrative „Megadeals“. So spricht die Private-Equity-Branche von einem riesigen Berg an „Dry Powder“, also eingesammelten Kapital, in ihren Büchern. 2021 dürfte daher das Jahr der großen Aufkaufwelle werden, die Effekte bleiben abzuwarten. Private Equity Fonds sind bekannt für einen starken Renditedruck, den sie auf Zielunternehmen übertragen. Auch in diesem Finanzmarktsegment können durch Hebelkonstruktionen enorme Risiken auf kleine Unternehmen abgewälzt werden. Die Folgen: ein erhöhtes Insolvenzrisiko der Unternehmen und unter Umständen die Priorisierung kurzfristiger Gewinne über eine langfristige Unternehmensausrichtung.

6) SPACS als neuer Börsen-Hype

Die weltweite Wirtschaftskrise scheint an den Kapitalmärkten unbeschadet vorüberzuziehen. Viel eher herrscht an den Börsen eine neue Goldgräberstimmung. Das historisch niedrige Zinsniveau und das enorme Überangebot anlagesuchenden Kapitals führen zu neuen Problemen. So ist der jüngste Hype um „SPACS“ auch Ausdruck der Renditesuche in Zeiten wirtschaftlicher Stagnation: in einem Börsenmantel wird Kapital gesammelt und dann in passende, schnelles Wachstum versprechende Unternehmen investiert.

In den USA ist dieser Trend bereits voll entfacht, eine Reihe Prominenter gründeten ihre eigenen SPACs. Diese wecken oft große Erwartungen bei Kleinanlegern, bergen aber gleichzeitig ein hohes Risiko. Die Überprüfung geeigneter Unternehmen nimmt nur der SPAC selbst vor, nicht aber externe Prüfer wie bei klassischen Börsengängen. Seit Anfang 2021 schwappt der SPAC-Trend nun auch nach Europa. Vor allem sind die SPACs Ausdruck der verzweifelten Suche nach Rendite in Zeiten von Niedrigzinsen, während gleichzeitig große Teile der Wirtschaft weiter damit beschäftigt sind, überhaupt irgendwie diese Krise zu überleben.

FAZIT

In der Krisenzeit lässt sich die Auseinanderentwicklung von Real- und Finanzwirtschaft sehr deutlich beobachten, die insgesamt mit einer Verstärkung der Ungleichheit einhergehen dürfte. Vor allem aber stellt sich die Frage der Stabilität: Können langfristig Erträge am Finanzmarkt über denen der Realwirtschaft liegen? Ist die derzeitige Goldgräberstimmung am Finanzmarkt nicht möglicherweise ein Vorbote einer deutlichen Korrektur der Assetpreise? Holt die Krise in der Realwirtschaft die Finanzwirtschaft doch noch ein in Form von Unternehmenspleiten, die dann zur Gefahr für die Finanzmarktstabilität werden?