Private-Equity-Investoren in der Pflege

14.10.2021

Immer öfter investieren aggressive Geldgeber auch in Bereiche der Daseinsfürsorge. Im Rahmen einer Studie hat sich Finanzwende Recherche angeschaut, wie Private-Equity-Investoren im Pflegebereich agieren. Die Erkenntnis: Die Trickliste der Investoren ist lang – mit erheblichen Folgen für das deutsche Pflegesystem.

Info: Private-Equity-Investoren sind Unternehmen, die Gelder von Dritten in einem Fonds bündeln – zum Beispiel von Pensionsfonds oder vermögenden Privatpersonen. Für diese legen sie die Gelder mit dem Versprechen auf hohe Renditen an. Sie kaufen Unternehmen in jedem beliebigen Sektor auf, sei es im verarbeitenden Gewerbe, in der IT-Branche, im Gesundheitswesen oder in anderen Bereichen. Um hohe Renditen zu erreichen, wenden sie oft Finanztechniken wie eine hohe Kreditaufnahme an.

Die Studie

Aber von vorne: Der Pflegesektor und seine Probleme rückten spätestens mit der Corona-Krise in den Fokus der Aufmerksamkeit. Viele Menschen haben erlebt, wie wichtig dieser Bereich ist und welch wichtige Stütze er für unsere Gesellschaft darstellt. So kommt man schnell zu der Frage: Sollten bei der Pflege älterer Menschen, die auch noch mit öffentlichen Geldern finanziert wird, besonders renditeorientierte Kapitalgeber involviert sein dürfen?

Um eine solche Frage zu beantworten, benötigt man zunächst eine Analyse. Wie gehen die Kapitalgeber überhaupt vor und mit welchen Folgen? Deshalb hat Finanzwende Recherche im Rahmen des Projekts „Transformative Responses to the Crisis“ anhand von jeweils drei Fallbeispielen in Deutschland, Frankreich und Großbritannien näher betrachtet, wie diese Risikokapitalgeber im Pflegebereich handeln.

Die Ergebnisse

Die Finanzinvestoren nehmen oft hohe Kredite auf, um große Pflegeheimketten zu kaufen. Die daraus resultierenden Schulden werden dann direkt auf die Heime übertragen. Ein Aufkauf führt also oftmals dazu, dass die Heime Kreditzahlungen plus Zinsen zusätzlich erwirtschaften müssen. So wurde der Kauf der deutschen Pflegeheimkette Alloheim 2017 mit Schulden finanziert, die mehr als das Zehnfache des damaligen Gewinns des Unternehmens betrugen. Der Druck, mehr Überschüsse zu erzielen, stieg dadurch deutlich.

Besonders pikant: Auf die Schulden an die Private-Equity-Fonds fallen zudem oft hohe Zinssätze an, welche die Lage vieler Pflegeheime zusätzlich erschweren. Alloheims Mutter Cidron Atrium zum Beispiel bilanzierte für 2019 für ihre 500 Millionen Euro Gesellschafterschulden Zinszahlungen von etwa 45 Millionen Euro, was einem Zinssatz von etwa neun Prozent entspricht. Eine horrende Zahl angesichts der derzeitigen Zinslage, in der viele Menschen keine Zinsen erhalten, sondern im Gegenteil gar Negativzinsen zahlen müssen.

Es gibt einen weiteren Trick, den die Investoren regelmäßig anwenden. Immer wieder verkaufen Pflegeheimketten nach Einstieg von Private-Equity-Investoren ihr „Tafelsilber“, nämlich ihre Immobilien. Dadurch können schnell Überschüsse erzielt werden, die aus dem Unternehmen gezogen werden können. Für die Objekte fallen nach dem Verkauf dann Mietzahlungen an. Auch bei einem Weiterverkauf der Pflegeketten kassieren die Finanzinvestoren dann oft nochmals ab. Alloheim wurde 2013 für 180 Millionen Euro von der US-Private-Equity-Firma Carlyle gekauft und vier Jahre später für 1,1 Milliarden Euro an die schwedische Firma Nordic Capital weiterverkauft.

Darüber hinaus nutzen die Investoren immer wieder Firmenkonstrukte in Schattenfinanzzentren wie Luxemburg oder Jersey, was eine Taktik der Steuervermeidung nahelegt.

Renditen im Pflegesektor

Durch den Einstieg von Investoren ändert sich oftmals die bisherige Logik im Pflegesektor. Es geht immer weniger um das Wohl der Patientinnen und Patienten. Der Gewinn für die Anteilseigner des Fonds rückt dagegen immer mehr in den Fokus. Anders geht es auch nicht, wenn man mitunter zweistellige Renditen erzielen will. Die Folgen dieses Agierens sind dramatisch.

Eine weitere Studie aus Großbritannien schätzt, dass bei Private-Equity-Modellen etwa zehn Prozent der Gelder von Patienten und Kassen abfließen und in den Taschen von Finanzinvestoren landen. Die Befürchtung liegt nahe, dass in Deutschland ähnliche Summen nicht bei den Pflegebedürftigen ankommen. Sie fließen stattdessen aus dem ohnehin schlecht finanzierten Pflegesystem.

Aufgrund der in der Studie dargestellten Probleme stellt sich die Frage, ob Private-Equity-Investoren überhaupt im Pflegebereich aktiv sein sollten. Eine von Finanzwende in Auftrag gegebene Umfrage zeigt, dass eine Mehrheit der Befragten (60 Prozent) gar den Zugang aller privaten Investoren in den Pflegebereich kritisch sehen. Der Bericht unterstreicht in jedem Fall, dass es sehr schwierig ist, einen wichtigen Bereich wie die Altenpflege mit den hohen Renditeerwartungen von Private-Equity-Firmen in Einklang zu bringen.

Mehr Einzelheiten dazu sowie Handlungsempfehlungen, wie die Politik das Versickern öffentlicher Gelder beschränken könnte, finden Sie in der  Studie.

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