Too Big To (Stable)Coin
Warum Big-Tech-Stablecoins Europas monetäre Souveränität gefährden
- Big Tech wie Amazon, Meta, Alphabet (Google), Microsoft, Apple, Alipay und Tencent dringen zunehmend in den Finanzsektor ein. Ihr womöglich neuester Coup: eigene Stablecoins.
- Eine neue Analyse von Finanzwende Recherche zeigt: Big-Tech-Stablecoins bergen Risiken für den fairen Wettbewerb, die Finanzstabilität und die monetäre Souveränität Europas.
- Um die monetäre Souveränität Europas zu schützen, sollte die EU ein Verbot von Big-Tech-Stablecoins in Betracht ziehen sowie den digitalen Euro als sichere und öffentliche Alternative vorantreiben.
Big Tech erschaffen eigene digitale Ökosysteme – Google beispielsweise ist längst nicht mehr nur Suchmaschine, sondern auch Cloud-Dienst, Smartphone-Betriebssystem, Video- und Werbeplattform. Als zentralen Hebel für das Wachstum ihrer umfassenden Ökosysteme bieten Big Tech zunehmend auch Finanzdienste an.
Eine neue Analyse von Finanzwende Recherche zeigt: Mit der Entwicklung von eigenen Stablecoins könnten sie nun den nächsten Schritt gehen – mit weitreichenden Folgen für unser Finanzsystem und unsere Demokratie.
Was sind Stablecoins?
Stablecoins sind Kryptowerte, die im 1:1-Verhältnis an eine staatliche Währung gekoppelt sind, wie zum Beispiel den US-Dollar oder den Euro. Der Herausgeber eines Euro-Stablecoins sichert zu, dass eine Einheit seines Stablecoins jederzeit in einen Euro umgetauscht werden kann. Für dieses Versprechen halten sie eine Reserve an hochliquiden Vermögenswerten wie Bargeldeinlagen oder kurzlaufenden Staatsanleihen.
Stablecoins stehen damit im Gegensatz zu unbesicherten Kryptowerten wie dem Bitcoin oder ETH. Deren Werte können stark schwanken und sind nicht durch eine Reserve besichert.
Deshalb sind eigene Stablecoins so attraktiv für Big Tech
Unter US-Präsident Donald Trump wurden Dollar-Stablecoins zur politischen Priorität der USA erklärt. Das neue Regelwerk „GENIUS Act“ ermöglicht es Big Tech erstmals rechtssicher eigene Stablecoins in den USA herauszugeben. Diese könnten perspektivisch auch in die EU kommen.
Big Tech profitieren von eigenen Stablecoins gleich mehrfach:
- Sie können Transaktionsdaten sammeln,
- Abwicklungsgebühren für sich und Händler*innen einsparen und
- Zinseinnahmen durch die Verwaltung der Stablecoin-Reserve generieren.
Der entscheidende Vorteil liegt aber im Effekt auf das Ökosystem der Big Tech. Sie streben mit ihren Plattformen ein möglichst umfassendes und geschlossenes Ökosystem an. Hauseigene Stablecoins könnten dabei als Bindemittel wirken, eingebettet in E-Commerce, Chat, Social-Media-Zahlungen und Werbebuchungen, stets mit maximalen Anreizen zur Nutzung. Dank der Netzwerkeffekte großer Plattformen und Kundenstämme könnten sie sich schnell verbreiten und massive Ausmaße annehmen.
Der Stablecoin-Sektor ist heute noch überschaubar – das Wachstumspotenzial für Big-Tech-Stablecoins somit massiv. Allein in der EU nutzen mehr als die Hälfte der Bevölkerung die Meta-Dienste Facebook und Instagram. An diese enorme Nutzerbasis könnte Meta seinen Stablecoin anbieten, ohne neue Kund*innen anwerben zu müssen.
Ökosystem-Lücke in der Regulierung
Schon heute erfüllen Alipay, Amazon und Alphabet mit einer eigenen E-Geld-Lizenz die rechtlichen Voraussetzungen für eine Stablecoin-Ausgabe in der EU. Diese werden von der Verordnung über Märkte für Kryptowerte (MiCA-Verordnung) festgelegt. Die MiCA-Verordnung regelt jedoch vor allem klassische Finanzaufsichtsthemen wie Eigenkapital, Liquiditätsmanagement, Reservevorgaben und Stresstests.
Das Ökosystem, in dem sich der Stablecoin bewegt, wird kaum adressiert. Dabei liegen hier die entscheidenden Wettbewerbsvorteile und Ursachen entstehender Risiken. Dazu gehören datenbasierte Synergieeffekte, bereitstehende Infrastruktur, Quersubventionierung und die enorme Kundenbasis. Der eigentliche Wachstumsmotor von Big-Tech-Stablecoins bleibt unangetastet.
Risiken durch Big-Tech-Stablecoins
Dabei sind Big Tech schon heute zu groß und mächtig. Die Analyse von Finanzwende Recherche zeigt auf, dass sich mehrere Risiken für die EU ergeben, wenn Big Tech Stablecoins entwickeln:
- Der Ökosystem-Vorteil der Big Tech macht sie auch bei Stablecoins zur Gefahr für den fairen Wettbewerb. Denn ein Big-Tech-Stablecoin, der bevorzugt im eigenen Ökosystem funktioniert, macht es für Wettbewerber schwieriger ihre Zahlungsoptionen anzubieten und veranlasst die Nutzer*innen, im Ökosystem zu bleiben.
- Eigene Stablecoins könnten Big Tech zu Finanzakteuren mit potenziellen Auswirkungen auf die Finanzstabilität machen, etwa durch signifikante Staatsanleihebestände. Im Krisenfall könnten Zentralbanken gezwungen sein einzuschreiten, um Finanz- und Geldmärkte zu stabilisieren.
- Eine große private Digitalwährung eines Big Tech könnte die monetäre Souveränität Europas und damit den staatlichen Handlungsspielraum einschränken. Große Stablecoin-Reserven könnten die Funktionsweise der Geldmärkte und damit sowohl die Geldpolitik selber, als auch ihre Effektivität beeinflussen.
Die Risiken aus großen Big-Tech-Stablecoins waren vor knapp zehn Jahren bereits einmal Grund genug für Politik und Aufsicht, das Stablecoin-Projekt Libra des Big Tech Meta (damals Facebook) zu stoppen. Dabei war nicht der Stablecoin, sondern das Big Tech als Herausgeber entscheidend für den Widerstand. An der Risikoanalyse hat sich bis heute wenig geändert.
Das sind jetzt die Handlungsoptionen der EU
Big Tech befinden sich aktuell in einem frühen Stadium der Big-Tech-Stablecoin-Entwicklung. Die neue Analyse zeigt: Das ist eine Chance für die EU-Gesetzgeber frühzeitig und proaktiv zu handeln.
Finanzwende Recherche empfiehlt der EU folgende Handlungen:
1 | Fall-zu-Fall-Verbot durch die EZB
Die EZB kann Stablecoins bei übermäßigen Risiken für die Finanzstabilität oder die Währungshoheit der EU schon heute verbieten. Das ist wichtig, um flexibel auf Big-Tech-Stablecoins zu reagieren. In der Praxis scheitert die Kompetenz aber an unrealistischen Fristen und (geo-)politischer Durchsetzbarkeit.
2 | Kategorisches Verbot von Big-Tech-Stablecoins
Big-Tech-Stablecoins können die monetäre Souveränität Europas aufgrund ihres hohen Skalierungspotenzials untergraben. Zum Schutz dieser sollten die EU-Gesetzgeber daher ein kategorisches Verbot von Big-Tech-Stablecoins erwägen. Das Verbot gilt nicht für Stablecoins anderer Herausgeber.
3 | Der digitale Euro als wettbewerbsfördernde Antwort
Der digitale Euro kann die Abhängigkeit von ausländischen Zahlungsdienstleistern verringern und den Wettbewerb fördern. Als digitales Zentralbankgeld würde er Bürger*innen eine sichere und zukunftsfähige Alternative zu Big-Tech-Stablecoins bieten. Als gesetzliches Zahlungsmittel könnte der digitale Euro die Ökosysteme durch einen Angebots- und Annahmezwang offenhalten.
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