Floppt der digitale Euro der EZB?

von Prof. Peter Bofinger

09.02.2022

Der „digitale Euro“ ist eines der großen Zukunftsprojekte der Europäischen Zentralbank (EZB). Fabio Panetta, das hierfür verantwortliche Mitglied des EZB-Direktoriums, sieht darin ein digitales Symbol des Fortschritts und der Integration in Europa. Die EZB erwartet, dass mit dem digitalen Euro das Bezahlen einfacher wird. Zudem könne der Übergang der europäischen Wirtschaft in das digitale Zeitalter unterstützt werden.

  • Die Europäische Zentralbank (EZB) erwartet, dass mit dem digitalen Euro das Bezahlen einfacher wird.
  • Doch wenn sich der digitale Euro gegenüber Angeboten der „BigTechs“ behaupten will, reicht es nicht aus, ein Notenbankkonto für jedermann zu schaffen.
  • Die Gefahr ist groß, dass die vollmundig angekündigten Pläne zum digitalen Euro zu einem großen Flop werden, der der Reputation der EZB massiv schaden würde.

Was verbirgt sich hinter dem „digitalen Euro“? Wer noch nie etwas von den EZB-Plänen gehört hätte, könnte sich fragen, ob es den Euro in digitaler Form nicht schon seit Jahren gibt. War der Euro nicht schon in seiner Geburtsstunde ein digitales Wesen? Beim Start der Währungsunion im Januar 1999 gab es keine Euro-Banknoten und -Münzen. Der Euro existierte nur digital in der Form von Bankkonten, die auf Euro lauteten. Auf diesen digitalen Euro folgte der physische Euro erst mit der Bargeldeinführung im Januar 2002.

Was versteht dann die EZB unter „digitalem Euro“?

Primär geht es darum, dass für private Haushalte und Unternehmen die Möglichkeit geschaffen wird, ein Konto direkt bei der Zentralbank zu führen. Das ist derzeit nur für Banken und Notenbank-Mitarbeiterinnen möglich. Der „digitale Euro“ ist also ein Notenbankkonto für jedermann.

Gegenüber einem traditionellen Bankkonto hätte dieses den Vorteil, dass es absolut sicher ist. Für Guthaben unter 100.000 Euro ist das jedoch ohne Bedeutung, da diese durch die staatliche Einlagensicherung bereits abgesichert sind. Für vermögende Privathaushalte und Unternehmen könnte ein Notenbankkonto jedoch attraktiv sein, da höhere Bankguthaben bei der Schieflage einer Bank einem gewissen Risiko ausgesetzt sind. Aber solche Kunden will die EZB nicht haben. Sie befürchtet, dass es dabei zu einem zu starken Abfluss von Bankeinlagen auf die Notenbank­konten kommen könnte. Das Notenbankkonto soll nur von Durchschnitts­verdienerinnen genutzt werden. Deshalb sehen Pläne der EZB vor, dass Guthaben über 3000 Euro durch Strafzinsen unattraktiv gemacht werden.

Doch warum sollte man dann ein EZB-Konto eröffnen?

Ein traditionelles Bankkonto bietet heute eine Fülle von Finanz­dienst­leistungen, vom Überziehungskredit über Kredit- und Zahlungskarten, Daueraufträge und Online-Banking bis hin zu Kundenservice All das ist für ein EZB-Konto nicht geplant, da die EZB nicht in Konkurrenz zu den Geschäftsbanken treten möchten. Fabio Panetta ist da sehr deutlich:

„Wir werden sicheres Geld anbieten, keine Finanz­dienst­leistungen. Finanz­dienst­leistungen anzubieten, ist Aufgabe der Geschäftsbanken. Es wäre ja verrückt, wenn wir das täten.“ (Panetta)

Es ist bisher das Geheimnis der EZB, wieso sie glaubt, mit einem so spärlich ausgestatteten Notenbankkonto auf ein größeres Interesse bei den privaten Haushalten zu stoßen.

Digitaler Euro statt Bargeld?

Aber vielleicht könnte der digitale Euro eine attraktive Alternative zum Bargeld darstellen, „ein einheitliches, sicheres und kostenfreies Zahlungsmittel, das in der gesamten Eurozone akzeptiert wird. Genau wie der Euro in bar, bloß digital.“ (Panetta).

Auch hier ist der Innovationsgehalt nicht offensichtlich. Mit Kreditkarten, Google-Pay, Apple-Pay und PayPal gibt es einheitliche Zahlungssysteme und Instrumente, mit denen man in der gesamten Eurozone und noch darüber hinaus bereits „alltägliche Zahlungen schnell, einfach und sicher“ erledigen kann.

Wer heute lieber bar bezahlt, weil er seine Privatsphäre schützen möchte und gegenüber der Digitalisierung skeptisch eingestellt ist oder weil sie Zahlungen in der Schattenwirtschaft leisten möchte, wird kaum bereit sein, den physischen Euro durch ein digitales Zahlungsmittel zu substituieren. Ob dieses bei der Notenbank angesiedelt ist oder bei einer privaten Bank, ist für die meisten also irrelevant.

Um in dieser Hinsicht ein Substitut für Bargeld zu sein, müsste der digitale Euro in Form von anonymen Geldkarten verfügbar gemacht werden. Doch für solches „electronic money“ gibt es strikte Regulierungen, um Geldwäsche und andere kriminelle Aktivitäten zu verhindern. In Deutschland liegt der Höchstbetrag für eine solche Karte bei 100 Euro. Wenn man aus gutem Grund an diesen Regelungen festhält, ist auch hier nicht zu erkennen, wie die EZB mit ihrem digitalen Euro punkten könnte.

Was ist vom Argument der EZB zu halten, dass eine abnehmende Verwendung des Bargelds im Zahlungsverkehr einen digitalen Euro erfordere? Zum einen ist für den Euro wie für den US-Dollar bisher nicht zu erkennen, dass der Bargeldumlauf relativ zur Wirtschafts­leistung zurückgeht. Der geringeren Verwendung als reguläres Zahlungsmittel steht offensichtlich eine wachsende Bargeld-Nachfrage im informellen Bereich und hohes Interesse an Bargeld als Wertspeicher entgegen. Zum anderen könnte die EZB bei einem stark rückläufigen Bargeldumlauf den direkten Zugang zur Notenbank dadurch sichern, dass sie für ein flächendeckendes Netz an Bargeld-Ausgabeautomaten sorgt. Das würde von der Bevölkerung sehr viel mehr geschätzt als die Möglichkeit, einen digitalen Euro auf einer Geldkarte oder einer elektronischen Geldbörse zu halten. Und es deckt sich mit der expliziten Zielsetzung der EZB, weiterhin am Bargeld festzuhalten.

Digitaler Euro statt PayPal?

Bei alledem stellt sich die Frage, wie die EZB mit dem digitalen Euro Antworten auf die Herausforderungen durch die großen internationalen Anbieter von Zahlungs­dienstleistungen und Zahlungsplattformen finden will. Dabei geht es nicht um das fehlkonzipierte und völlig überschätzte Libra-Projekt von Facebook, das mittlerweile eh eingestampft wurde, sondern es geht um die bereits existierenden Plattformen wie Mastercard und Visa oder PayPal.

Diese Zahlungs­dienstleister zeichnen sich dadurch aus, dass man mit ihnen Zahlungen national und international sowie mit unterschiedlichen Währungen durchführen kann. Man braucht dafür auch kein Guthaben bei den Systembetreibern. Für die Abrechnung wird einfach auf ein Guthaben bei einer Geschäftsbank zurückgegriffen. Bei PayPal kann man mit Guthaben bezahlen, man kann aber auch ein Bankkonto oder ein Kreditkarten-Konto verwenden.

Zudem bieten diese Zahlungsplattformen eine Fülle von Dienstleistungen an. Neben Versicherungsangeboten und Krediten für Konsumenten wie für Händler zählen dazu insbesondere Serviceleistungen im Online-Handel (zum Beispiel die Übernahme der Kosten für Rücksendungen).

Für die EZB stellen sich hier kaum überwindbare Hürden. Um sich gegenüber diesen „BigTechs“ behaupten zu können, reicht es nicht aus, ein Notenbankkonto für jedermann zu schaffen. Es würde von den Zahlungsplattformen wie ein ordinäres Bankkonto zur Begleichung von Abrechnungen eingesetzt werden.

Digitaler Euro als neues Zahlungssystem?

Der digitale Euro müsste somit sehr viel umfassender gedacht werden. Man müsste darunter ein ganz neues Zahlungssystem verstehen, das in den Wettbewerb mit existierenden privaten Zahlungssystemen treten soll. Aus den nicht immer ganz konsistenten Ausführungen zum digitalen Euro kann man durchaus ableiten, dass die EZB diese ambitionierte Zielsetzung verfolgt.

So stellte sich Panetta die Frage: „Sollte ein so riesiger Wirtschaftsraum wie die Eurozone außen vor bleiben, wenn BigTechs und andere Zentralbanken die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs vehement vorantreiben?“ Und er beantwortete sie wie folgt: „Ich denke: nein. Wir müssen dabei sein.“ (Quelle)

Doch die Messlatte hierfür liegt hoch. Von seiner ganzen Konzeption her dürfte sich ein digitaler Euro sehr schwertun. Die Beschränkungen eines solchen Systems auf Zahlungen innerhalb des Euroraums wäre ein gravierender Nachteil gegenüber den global agierenden Plattformen. Probleme würde sich so schon bei einer Zahlung von Frankfurt nach Basel ergeben. Dabei würde sich zusätzlich die Frage stellen, ob ein digitales Eurosystem mit unterschiedlichen Währungen operieren kann.

Wenn man zudem bedenkt, welche Fülle an Dienstleistungen von den globalen Zahlungsplattformen angeboten werden, kann man sich schwer vorstellen, dass Notenbanken hierbei über die erforderliche Kreativität verfügen. Zudem hat die EZB, wie erwähnt, explizit eingeräumt, dass sie keine derartigen Dienstleistungen anbieten will.

Wie sieht die Zukunft des digitalen Euros aus?

Alles in allem wirken die Pläne zum digitalen Euro bisher wenig ausgegoren. Die EZB gibt selbst zu, dass sie sich über das Geschäftsmodell des digitalen Euro bisher noch nicht im Klaren ist.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass es Notenbanken schwerfällt, sich in die Perspektive der Nutzer digitalen Geldes und digitaler Zahlungsplattformen hineinzuversetzen. Das überrascht nicht, da sie als Monopol-Anbieter von Bargeld bisher keinem echten Wettbewerb ausgesetzt waren. Die Gefahr ist daher groß, dass die vollmundig angekündigten Pläne zum digitalen Euro zu einem großen Flop werden, der der Reputation der EZB massiv schaden würde.

Gleichzeitig verliert Europa sehr viel Zeit, um gegenüber den US-amerikanischen Zahlungsplattformen eine wettbewerbsfähige Alternative zu entwickeln. Dass dies nicht unmöglich ist, zeigt das Beispiel der schweizerischen Plattform TWINT, der es sehr erfolgreich gelungen ist, die ausländischen Anbieter in Schach zu halten.

Bei diesem Beitrag handelt es sich um einen Gastbeitrag im Finanzwende-Blog. Die jeweiligen Autoren geben nicht zwangsläufig Finanzwende Positionen wieder.

Prof. Peter Bofinger
Prof. Peter Bofinger ist Seniorprofessor für Geld und Internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Universität Würzburg.

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